Es gibt Momente, welche bestimmte dynamische Prozesse auslösen, die (ob geplant oder unbeabsichtigt oder in Kauf genommen) einer nicht zu bremsenden Lawine gleich, immense Zerstörungskraft besitzen. In den vergangenen zwei Tagen ist so viel über ein solches Moment breit medial berichtet worden (und es wird eine noch länger andauernde Aufmerksamkeit beanspruchen als den Beteiligten lieb ist). Die Rede ist von dem Politdebakel in Thüringen anlässlich der Wahl des neuen Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich vor nicht mehr als 52 Stunden, mit Hilfe der AfD.
Vor einigen Jahren las ich das Buch von David Grossman „Die Kraft zur Korrektur“ und darin beschreibt er etwas, das diese in Thüringen entstandene Situation zu betreffen scheint. Grossman schreibt: „Wenn ein Staat oder eine Gesellschaft – aus welchen Gründen auch immer – in einen dauerhaften Konflikt zwischen den Grundwerten und einer bestimmten politischen Konstellation gerät, entsteht ein Riss zwischen dieser Gesellschaft und ihrer Identität, zwischen ihr und ihrer „inneren Stimme“! Je komplizierter und widersprüchlicher diese politische Lage wird, je mehr Kompromisse die Gesellschaft eingehen muss, um all diese Widersprüche in sich auszuhalten, umso eher schafft sie sich einen Ad-hoc-Kodex, ein Notstands-Wertesystem: eine Art doppelte Buchführung ihrer Identität.“ (S. 29)
Grossman hat diese Zeilen zwar in den Kontext der Auseinandersetzung des Nahost-Konfliktes gestellt (und er tut dies mit einer atemberaubend poetischen Sprache), dennoch haben seine Aussagen meines Erachtens Gültigkeit für andere dynamische gesellschaftliche und politische Prozesse und deren Konflikte, wie in diesem Fall der Ministerpräsidentenwahl (und es darf an dieser Stelle nicht übersehen werden, dass diesem Geschehen etliche gesellschaftliche und politische Prozesse vorausgegangen waren).

Thomas Kemmerich (der amtierende Ministerpräsident) tritt eben an das Mikrofon und erklärt, er habe ein Gespräch mit der Landtagspräsidentin (Birgit Keller) geführt. Er setzt seine Rede fort mit der Aussage, die Juristen seien sich einig, „dass ein sofortiger Rücktritt nicht geboten ist, weil es Entscheidungen der Regierung gibt, für die es zumindest ein amtierendes Regierungsmitglied braucht.“

Wenn man nun zu Jenen gehört, die das bisherige Vorgehen etlicher Beteiligter in diesem Wahlprozess skandalös finden und diese zur Rechenschaft gezogen sehen wollen (auch ich habe empört und emotional reagiert), könnte diese Entscheidung erneut als Betrug am Wähler angesehen werden (schließlich hatte Kemmerich seinen Rücktritt bereits angekündigt). Sie könnte als Ausrede interpretiert werden, damit die kürzlich erworbene Machtposition für eine gewisse Zeit behalten zu können. Andererseits kann diese Entscheidung dazu beitragen etwas Ruhe in die erhitzten Gemüter zu bringen, neue Bewertungen zu ermöglichen und den Riss zwischen der Gesellschaft und ihrer Identität, zwischen ihr und ihrer ‚inneren Stimme‘ kitten helfen zu können. Wohlgemerkt, sie kann, wenn es um die Aufrichtigkeit der Suche nach echten und guten Lösungen geht.
Oftmals lohnt es sich wirklich, vom (möglichen) Ende her zu denken. Man vermeidet dann emotionale Schnellschüsse.

PS. Meine Beurteilung bezieht sich auf den aktuellen Moment, weitere neue Entwicklungen müssen dann gegebenenfalls neu bewertet werden.