Das verschreckte Frühstücksei

Eine Leseprobe

Das verschreckte Frühstücksei2018-08-02T11:22:57+00:00

Es ist das Trommeln der Inka, das mich weckt. Trommeltöne, die sich
vermischen mit dem digitalen Piepsen der westlichen Zivilisation des 21. Jahrhunderts.
Ich schlage die Decke zurück, sie verscheucht die letzten Figuren und Klänge meiner Traumwelt. Ich hätte ohnehin nicht bleiben können. In einer Stunde beginnt mein Dienst.
Als ich den Schlafzimmerboden berühre, zucken meine nackten Fußsohlen erschrocken zurück. Bis vor kurzem verweilten sie noch in der erwärmten Erde Südamerikas.
Traumreisen zum Nulltarif haben den Nachteil, dass sie völlig unkalkulierbar und abrupt zu Ende gehen können.
Meine Katze fordert ihr Frühstück ein. Mechanisch hole ich die Futtertüte aus der Schublade, presse die Fleischstückchen heraus, die sie gierig zu fressen beginnt, noch bevor sie den Napfboden erreichen.
Der Kaffee, die Zeitung, das Brötchen, das Ei. Zeitgleich müssen diese Dinge vor mir auf dem Tisch liegen. Adriano Celentano singt bereits im Hintergrund. Ich tue so, als
sei ich Zwanzig. Die Täuschung gelingt mir, solange ich nicht in den Spiegel sehe.
Das Datum der Zeitung stimmt nicht überein mit dem des Kalenders, den ich in Augenhöhe rechts von meinem Sitzplatz aus an der Wand hängen habe und mahnt meine Rückständigkeit an.
Ich belasse es noch dabei, weil mir das Foto darauf so gut gefällt. Es zeigt die pittoreske Stadt
Riomaggiore am Küstenabschnitt Cinque Terre in Ligurien. Eine besonders bei Künstlern beliebte Stadt. Als Wochenspruch steht unten „Kunst ist der sichtbare Teil einer vorwärts
stürmenden Geschichte.“
Im Augenblick spüre ich nur den Konflikt, der jetzt in mir schwelt und durch diese Situation aktualisiert wird. Ich trage ihn seit meiner Geburt mit mir herum, mal hüpfend, mal träge.
Die fett gedruckten Schlagzeilen der Zeitung fordern meine Aufmerksamkeit. Beim Überfliegen setzt mein Gehirn sie so zusammen, dass sie einen völlig eigenen, nicht von ihr redigierten Text ergeben: „Ein Judentum zum Anfassen, die Kreuze kommen weg, zu viele Blitze aus heiterem Himmel, es hätte mich viel schlimmer treffen können, die Lichter gehen bald endgültig aus.“ (….)

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